Wissenschaft

Geistesforschung

Es gibt mittlerweile eine Vielzahl von Studien über die heilsamen Auswirkungen der Achtsamkeitspraxis auf die körperliche und geistige Gesundheit (siehe unten). Doch Achtsamkeit bedeutet nicht nur „Geistestraining“, sondern ist vor allem auch „Geistesforschung“ im zweifachen Sinne: Der Geist erforscht die Welt und er wird erforscht.

Die geistige Wachheit, die beim Achtsamkeitstraining kultiviert wird, lässt sich ebenso auf die ‚äußere‘ Welt (Beziehungen, Gesellschaft, Politik) anwenden, wie auf die Innenwelt des beobachtenden Subjekts (Gedanken, Gefühle, Empfindungen) – beide sind auch nicht voneinander zu trennen.

Sobald man aber bewusst wahrnimmt, was in einer stresserzeugenden Situation tatsächlich geschieht, hat man diese Situation auch schon grundlegend verändert und sich einen kreativen Freiraum erschlossen. Und da man selbst Teil der Wirklichkeit der ganzen Situation ist, verändert man ihr Gefüge durch das bloße Gewahrsein dessen, was geschieht, sogar noch bevor man in irgendeiner Form aktiv wird.
Jon Kabat-Zinn

Aus einer systemischen und ‚ganzheitlichen‘ Perspektive, wie sie etwa Uexkuell und Wesiak (2012) beschreiben, wird deutlich, weshalb sich das „Geistestraining“ der Achtsamkeit notwendigerweise auch körperlich auswirken muss. Jede Beobachtung und bewusste Wahrnehmung ist immer auch eine Tätigkeit und verändert damit Realität.

Wirkung auf die Gesundheit

Die Forschung über Achtsamkeit hat in den letzten drei Jahrzehnten sehr viele Erkenntnisse über die positiven psychosomatischen und psychosozialen Auswirkungen einer regelmäßigen Achtsamkeitspraxis, wie sie vor allem im Rahmen von MBSR– oder MBCT-Programmen unterrichtet wird, produziert.

Die Wirkungen reichen von einem indizierten positiven Einfluss auf die Konzentration und Wachheit, über Magen-Darm- und Herzkreislauf- oder Angst-Störungen bis hin zur Verbesserung von chronischem Schmerzempfinden oder Depressionen. Dazu eine exemplarische Auswahl neuerer und älterer Studien:

  • Gotink, Rinske u.a. (2015): Standardised Mindfulness-Based Interventions in Healthcare: An Overview of Systematic Reviews and Meta-Analyses of RCTs. In: PLoS One 2015 16;10(4):e0124344.
  • Aucoin, Monique u.a. (2014): Mindfulness-Based Therapies in the Treatment of Functional Gastrointestinal Disorders: A Meta-Analysis. In: Evidence-Based Complementary and Alternative Medicine Volume 2014, Article ID 140724. 11 Pages.
  • Khoury, Bassam u.a. (2013): Mindfulness-based therapy: A comprehensive meta-analysis. In: Clinical Psychology Review Volume 33, Issue 6, August 2013, S. 763-771.
  • Hölzl, Britta u.a. (2010): Stress reduction correlates with structural changes in the amygdala.In: Soc Cogn Affect Neurosci. 2010 Mar; 5(1), S. 11–17.
  • Teasdale, J. D. u.a. (1995). How does cognitive therapy prevent depressive relapse and why should attentional control (mindfulness) training help? In: Behaviour Research and Therapy, 33, S. 25-39.
  • Kabat-Zinn, Jon u.a. (1985): The clinical use of mindfulness meditation for the self-regulation of chronic pain. Journal of Behavioral Medicine 8:, S.163–190.

Wichtig ist jedoch festzuhalten: Achtsamkeit ist keine Therapie und ersetzt auch keine solche! Die Wirkungen der Achtsamkeit sind nicht kausal zu beschreiben und damit ist Achtsamkeit auch nicht wie ein Mittel einzunehmen oder wie ein Werkzeug zu gebrauchen. Die Praxis der Achtsamkeit geht einher mit einem fundamentalen Perspektiven- und Haltungswechsel, der heilsam sein kann.

Das Reine Beobachten lässt die Dinge zunächst selber sprechen; es erlaubt ihnen, sich gleichsam auszusprechen. Es lässt sie ausreden, ohne sie durch ein voreiliges abschließendes Urteil zu unterbrechen, wenn sie noch so vieles zu sagen haben.
Nyanaponika

Weiterführende Literatur

Gunaratana, Bhante Henepola (1996 [1992]): Die Praxis der Achtsamkeit. Eine Einführung in die Vipassana-Meditation. Heidelberg: Werner Kristkeitz Verlag.

Kabat-Zinn, Jon (2013 [1990]): Gesund durch Meditation. Das große Buch der Selbstheilung mit MBSR. München: Knaur Verlag (überarb. Aufl.).

Nyanaponika (2000 [1969]): Geistestraining durch Achtsamkeit. Die buddhistische Satipatthana-Methode. Herrnschrot: Beyerlein & Steinschulte.

Singer, Wolf u. Ricard, Matthieu (2018): Jenseits des Selbst. Dialoge zwischen einem Hirnforscher und einem buddhistischen Mönch. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Uexküll, Thure u. Wesiack, Wolfgang (2012): Integrierte Medizin als Gesamtkonzept der Heilkunde: ein bio-psycho-soziales Modell. In: Rolf Adler u.a. (Hg.): Psychosomatische Medizin. Theoretische Modelle und klinische Praxis. München: Urban & Fischer (7. Aufl.), S. 3-40.